Wir über uns
Forschung
Lehre/Weiterbildung
Poliklinik
Publikationen
Presse
Bibliothek
Links
Home
Denk an mich. Dein Rücken Orte



365 Orte



© Institut für Prävention und Arbeitsmedizin
der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
> Zurück
> BGFA-Info 03/2004

Anthrakofibrotische Verlaufsform einer Mischstaubpneumokoniose mit Emphysem

M. G. Haufs, K.-M. Müller*, A. Weber**, R. Merget
* Institut für Pathologie der Ruhr-Universität Bochum an den BG-Kliniken Bergmannsheil
** Institut für Radiologie und Nuklearmedizin, Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil der Ruhr-Universität Bochum
Vorgestellt wird hier der Fall eines 78jährigen Versicherten, der als Kriegsgefangener und später im Rahmen seines Studiums unter Tage tätig war. Im Jahr 2001 trat akute Belastungsdyspnoe auf. Nach einem Krankenhausaufenthalt wurde eine BK-Verdachtsmeldung erstattet. Die Untersuchungen im BGFA unter Einbeziehung des fachpathologischen Befundes ergaben, dass der Versicherte an einer anthrakofibrotischen Verlaufsform einer Mischstaubpneumokoniose mit panlobulärem und perinodulärem Traktionsemphysem litt. Es wurde die Anerkennung einer entschädigungspflichtigen BK 4101 (Quarzstaublungenerkrankung (Silikose)) empfohlen.
Vorgeschichte
Der 78jährige Versicherte arbeitete zunächst als deutscher Kriegsgefangener ab 1945 ca. 2 Jahre in Charbonnages de Houthalen (Belgien) im untertägigen Steinkohlenbergbau. Danach war er bis 1952 häufiger wechselnd als Bergbauingenieursstudent in mehreren Praktika sowohl im Steinkohlen- als auch im Eisenerzbergbau - u.a. in Schweden - tätig. Während seiner späteren Tätigkeiten war der Versicherte nicht mehr unter Tage.

Aufgrund einer schnell zunehmenden Belastungsdyspnoe im Jahr 2001 wurde der Versicherte in der Thoraxchirurgie eines Krankenhauses vorstellig und aufgrund des zunächst nicht eindeutigen radiologischen Befundes thorakotomiert. Die Thorakotomie erfolgte, um mehrere unklare Rundherde zu untersuchen, d.h. zum Ausschluss eines malignen Geschehens in der Lunge. In diesem Zusammenhang wurden atypische Keilresektionen aus den drei rechten Lungenlappen sowie eine Lymphadenektomie durchgeführt. Histologisch ergab sich kein Anhaltspunkt für ein malignes Geschehen, vielmehr zeigten sich bereits makroskopisch Veränderungen, die auf untertägige Exposition mit Steinkohle hindeuteten. Der behandelnde Chirurg stellte daher eine BK-Verdachtsanzeige.

An weiteren Erkrankungen waren eine koronare Herzerkrankung bei Zustand nach arteriokoronarem Venenbypass und mehrfachen perkutanen Koronarangioplastien, eine arterielle Hypertonie sowie eine periphere arterielle Verschlusskrankheit aktenkundig. Es wurde ein Zigarettenkonsum von ca. 30 packyears bis 1988 angegeben. Der Versicherte stellte sich erstmals am 20.11.2001 im Rahmen einer arbeitsmedizinisch-internistischen Fachbegutachtung im BGFA vor.

Lungenfunktionsbefund
Lungenfunktionsanalytisch zeigte sich sowohl 2001 als auch 2004 eine etwa mittelgradige obstruktive Ventilationsstörung ohne Lungenblähung, die im Bronchodilatationstest nur geringgradig reversibel war, sowie ein diskreter restriktiver Anteil. Bei guter Atemtechnik zeigte sich eine deutlich erniedrigte Einsekundenkapazität (66% Soll) sowie eine Deflektion in der Fluss-Volumen-Kurve. Die Diffusionskapazität war eingeschränkt. Es zeigte sich sowohl 2001 als auch verstärkt 2004 eine deutliche Gasaustauschstörung unter körperlicher Belastung. Die Befunde waren gut mit einem Lungenemphysem vereinbar. Radiologische Untersuchung Zur Auswertung kamen konventionelle Röntgenaufnahmen des Thorax in 2 Ebenen von 2001 sowie eine Computertomographie der Thoraxorgane von 2001. Zusammengefasst zeigten sich keine richtungsweisenden Hinweise für eine Pneumokoniose im Sinne eines nodulären Musters, aber es zeigten sich beidseits hiläre Lymphknotenvergrößerungen, eine beidseitige Ergussverschwartung sowie ein panlobuläres Emphysem (Abb. 1 + 2) .
Abb. 1: Konventionelle Röntgenthoraxaufnahme des Versicherten
Abb. 1: Konventionelle Röntgenthoraxaufnahme des Versicherten
Abb. 2: Hochauflösende Computertomografie des Thorax  des Versicherten
Abb. 2: Hochauflösende Computertomografie des Thorax des Versicherten
Pathologischer Befund
Zusammengefasst handelt es sich um eine seltenere Form einer Mischstaubpneumokoniose mit starker anthrakofibrotischer und schwächerer nodulärer Komponente. Die hilären Lymphknoten zeigten eine schwere Form einer typischen Quarz-induzierten Fibrose. Intrapulmonal fand sich ein stärker ausgeprägtes, betont perifokales Traktionsemphysem.
Diagnose und versicherungsrechtliche Wertung
Wir äußerten nach der Erstvorstellung des Versicherten zunächst den Verdacht auf eine Quarzstaublungenerkrankung mit Vergrößerung der Hiluslymphknoten. Die Histologie lag uns zunächst nicht vor und wir baten um ein pathologisches Zusatzgutachten. Erst unter Einbeziehung des fachpathologischen Befundes wurde bei dem Versicherten eine anthrakofibrotische Verlaufsform einer Mischstaubpneumokoniose mit panlobulärem und perinodulärem Traktionsemphysem diagnostiziert und eine BK 4101 empfohlen, die daraufhin durch die BBG anerkannt wurde. Die MdE wurde zunächst auf 40% und aufgrund einer zunehmenden Gasaustauschstörung ab 2004 auf 60% eingeschätzt.

(Anmerkung: Der Versicherte ist vor kurzem verstorben. Die genaue Todesursache ist uns nicht bekannt. Auf eine Obduktion wurde auf Wunsch der Angehörigen verzichtet.)

Diskussion
Bei diesem Versicherungsfall handelt es sich um eine seltene Form einer Mischstaubpneumokoniose mit starker anthrakofibrotischer und kaum ausgeprägter nodulärer Komponente sowie um ein panlobuläres und perinoduläres Traktionsemphysem. Untersuchungen zur Häufigkeit dieser möglicherweise häufiger nicht erkannten Variante der paucinodulären Mischstaubpneumokoniose wurden bisher nur vereinzelt publiziert [1,2]. Aufgrund des computertomographischen Befundes mit multiplen "Aufhellungen" im Querschnitt (panlobuläres Emphysem: das disseminierte Emphysem imponiert im Röntgenbild aufgrund der Negativbildgebung als "schwarz") griffen wir zunächst auf die Bezeichnung "Schwarze Löcherlunge" zurück. Es handelt sich bei diesem Begriff um eine ältere, bisher wenig bekannte Bezeichnung, die erstmalig 1960 von Giese [3] eingeführt wurde. Erst die pathologische Untersuchung konnte zeigen, dass es sich nicht um eine "Schwarze Löcherlunge" sondern um ein perinoduläres Traktionsemphysem handelt. Allerdings kann zur Repräsentativität der Proben keine Aussage gemacht werden.

Die Silikose stellt bis heute eine der häufigen Berufskrankheiten in Deutschland dar. Es handelt sich bei der Silikose um eine Quarzstaublungenerkrankung (Pneumokoniose), die in der Regel zu einer knotigen Fibrose führt [4, 5]. Eine aktuellere epidemiologische Studie zeigt, dass die für die Erkrankung verantwortlichen Expositionszeiten vor allem in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts lagen und die Mehrzahl der heutigen zu begutachtenden Silikosen vor allem in diesem Zeitraum erworben wurden [6]. Auch in unserem Fall fand eine Exposition des Versicherten mit Steinkohlenstaub unter Tage in den 40er Jahren statt. Auffällig ist die für die Entstehung der Mischstaubpneumokoniose sehr kurze Arbeitsanamnese des Versicherten, der offenbar insgesamt nur ca. 2-4 Jahre im untertägigen Steinkohlenbergbau tätig war. Eine "klassische" Tätigkeit als Bergmann unter Tage hat er lediglich über zwei Jahre während seiner Kriegsgefangenschaft in Belgien ausgeübt. Die genaue chemische Zusammensetzung der Steinkohle im früheren belgischen Kohlenbergwerk ist uns nicht bekannt. Später war er während seines Studiums aufgrund mehrmonatiger Praktika in Schweden auch relativ kurz gegenüber Eisenerz exponiert. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung der hier vorliegenden besonderen Emphysemform ist jedoch jahrelanges inhalatives Zigarettenrauchen [7].

Bereits lange ist bekannt, dass es z.T. voneinander abweichende Beziehungen zwischen den lungenfunktionsanalytisch erhobenen Befunden und den jeweiligen Ausprägungsgraden einer Silikose gibt. Auch in unserem Fall korrelierte die bei der Erstvorstellung diagnostizierte mittelgradige obstruktive Ventilationsstörung bei dem Versicherten nicht mit den zunächst mittels konventionellen Röntgenthoraxaufnahmen erhobenen Befunden.

Die hochauflösende Computertomographie (HRCT) bietet heutzutage die Möglichkeit einer verbesserten und präziseren Diagnostik von emphysematösen sowie interstitiellen Lungenveränderungen als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. In einer britischen Untersuchung an 21 Bergleuten konnte bereits 1993 gezeigt werden, dass die HRCT in der Diagnostik silikotischer Veränderungen sensitiver als die konventionelle p.a. Röntgenaufnahme ist [1]. Allerdings korrelierten auch hier die radiologischen Veränderungen nicht mit den Lungenfunktionsbefunden und den gemessenen Blutgasen. Die konventionelle Röntgenaufnahme alleine und (mit Einschränkung) die CT des Thorax hätten in unserem Fall nicht zu der richtigen Diagnose geführt. Zunächst wurde in der HRCT des Versicherten ein panlobuläres Emphysem objektiviert, dass histopathologisch als perinoduläres Traktionsemphysem beschrieben wurde. Zusätzlich zeigten sich hier kleinknotige anthrakofibrotische Veränderungen, die konventionell-radiologisch nicht darstellbar waren.

Eine amerikanische Studie konnte 1990 aufzeigen, dass der Fibrose offenbar eine Emphysembildung folgt, die mit dem Ausprägungsgrad der jeweiligen fibrotischen Veränderungen korreliert [8]. Bereits seit längerem ist bekannt, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einer Silikose und einem Emphysem nur dann angenommen werden kann, wenn Letzteres als Folge silikotischer, d.h. typischerweise nodulärer Lungenveränderungen entsteht (Übersicht in [9,10]). Dieser aktuelle Fall zeigt dagegen, dass auch paucinoduläre Formen der Silikose bzw. der Mischstaubpneumokoniose ein Lungenemphysem zur Folge haben können.

Zusammenfassung
Dieses interessante Fallbeispiel zeigt, dass die Diagnostik bei bestimmten Formen der Silikose (hier: seltene anthrakofibrotische Verlaufsvariante mit panlobulärem und perinodulärem Emphysem) schwierig sein kann. Zunächst konnten wir 2001 bereits eine Hiluslymphknotensilikose bei dem Versicherten objektivieren. Der nahezu "unauffällige" konventionell-radiologische Befund hätte ohne den histopathologisch-anatomischen Befund sowie ohne die HRCT-Diagnostik in diesem Fall nicht zu der richtigen Diagnose geführt. Der zunächst im Rahmen der Begutachtung erhobene Lungenfunktionsbefund hätte zwar auch zu einer typischen Silikose "gepasst", die hierfür ungewöhnlich kurze Arbeitsanamnese des Versicherten (insgesamt nur wenige Jahre unter Tage) und die für eine Silikose atypischen konventionellen Röntgenaufnahmen jedoch nicht.
Literatur
  1. Collins LC, Willing S, Bretz R, Harty M, Lane E, Anderson WH: High-resolution CT in simple coal workers‘ pneumoconiosis. Chest 1993; 104: 1156-1162
  2. Collins HPR, Dick JA, Bennett, JG, Pern PO, Rickards MA, Thomas DJ, Washington JS, Jacobsen M: Irregularly shaped small shadows on chest radiographs, dust exposure, and lung function in coalworkers‘pneumoconiosis.
  3. Br J Ind Med 1988; 45: 43-55
  4. Giese W: Die pulmonal-bedingten Ventilationsstörungen. Verhandlungen der dtsch. Gesell. f. Pathologie 1960; 64: 35-45
  5. Weill H, Jones RN, Parkes WR: Silicosis and related diseases. In: Parkes WR: Occupational lung disorders. Chapter 12, Butterworth-Heinemann: 285-339
  6. Müller KM, Grewe P: Pathologie der Pneumokoniosen. Atemw.-Lungenkrkh 1992; 18: 428-436
  7. Rosenman KD, Reilly MJ, Kalinowski DJ, Watt FC: Silicosis in the 1990s. Chest 1997; 111: 779-786
  8. Müller KM: Persönliche Mitteilung.
  9. Kinsella M, Müller N, Vedal S, Staples C, Abboud RT, Chan-Yeung M: Emphysema in silicosis. Am Rev Respir Dis 1990; 141: 1497-1500
  10. Hartung W: Beziehungen zwischen Morphologie und Funktion bei Lungenerkrankungen unter besonderer Berücksichtigung der Silikose. Silikoseforsch. 1960; 4: 375-406
  11. Könn G, Schejbal V, Oellig WP: Die pathologische Anatomie der Pneumokoniosen. In: Ulmer WT, Reichel G. Pneumokoniosen; Handbuch der inneren Medizin Band 4 Teil 1; 1976: 101-131
Ruhr-Universität Bochum  

So gehts..