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der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
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Grundsätzliche Möglichkeiten zur Risikoabschätzung und Risikobewertung

O. Renn*
*Leiter der Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung kommt es darauf an, die bisherige Qualität des Arbeitsschutzes zu gewährleisten und gleichzeitig die Kosten dafür auf einem weltweit akzeptablen Niveau zu halten. Dazu kann eine systematische Risikobewertung beitragen. Professor Dr. Ortwin Renn hat diesen Vortrag im Rahmen der 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin gehalten.
1. Einleitung
Wir leben in einer Welt der globalisierten Märkte. Im Austausch von Waren und Dienstleistungen, hat derjenige die Nase vorne, der die bessere Qualität zum günstigeren Preis anbietet. Was bedeutet dies für die Arbeits- und Umweltmedizin? Auf der einen Seite werden bestimmte Standards des Arbeits- und Umweltschutzes weltweit anerkannt und Verstöße dagegen auch sanktioniert. Auf der anderen Seite ist die Weltwirtschaft auf Wettbewerb, Produktivität und Effzienz getrimmt: Auch der Arbeits- und Umweltschutz muss sich dem Diktat des internationalen Wettbewerbes stellen. Es kommt also darauf an, die bisherige Qualität des Arbeitsschutzes zu gewährleisten und gleichzeitig die Kosten dafür auf einem weltweit akzeptablen Niveau zu halten. Dabei kann eine systematische Risikobewertung helfen.

2. Risikovorsorge
2.1 Begriffe der Risikoanalyse
Die beiden zentralen Komponenten der Risikoabschätzung, die mit Hilfe der beiden Wissenselemente bestimmt werden, sind das Schadensausmaß und die Eintrittswahrscheinlichkeit.

Risiko:
Möglichkeit eines Schadens
Risikoabschätzung:
wissenschaftlicher Versuch, die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß eines Schadens (bzw. einer Schadensverteilung) quantitativ zu bestimmen
Risikowahrnehmung:
Prozess der Aufnahme und Verarbeitung von risikobezogenen Informationen durch Individuen und soziale Gruppen
Risikobewertung
Prozess der Bestimmung der Akzeptabilität eines Risikos
Risikomanagement:
Prozess der Reduzierung von Risiken bis zu der Schwelle, von der ab ein Risiko als akzeptabel gelten kann.
Risikokommunikation:
Austausch von Informationen zu den Risiken, deren Abschätzung und Management zwischen Politik, Wirtschaft, zivilgesellschaftlichen Akteuren, Medien und allgemeiner Öffentlichkeit
Tab. 1: Definitionen für Risiko und verwandte Begriffe

Im Allgemeinen wird Schaden als Summe negativ bewerteter Konsequenzen von menschlichen Aktivitäten (z.B. Autounfälle, Krebs durch Rauchen, Skiunfälle) oder natürlichen Ereignissen (z.B. Erdbeben, Lawinenunglücke, Vulkanausbrüche) verstanden. Schäden können in kontinuierlicher (etwa Zahl der Verletzten) oder in diskreter Form (Stahlkessel explodiert oder hält) auftreten.

2.2 Umgang mit Risiko
Der International Risk Governance Council (IRGC) hat ein Ablaufdiagramm für den umfassenden Umgang mit Risiken aufgestellt (IRGC 2005). In diesem Diagramm werden vier Phasen unterschieden: Pre-Assessment, das Assessment, Risk Appraisal, Tolerability Judgment und Risk Management. Die Phasen sind mit ihren einzelnen Komponenten in Abbildung 1 dargestellt.
Abb. 1: Schaubild angelehnt an den International Risk Governance Council (IRGC ) (2005) (Für eine vergrößerte Darstellung bitte auf das Bild klicken)

Zum besseren Verständnis des Risk Governance Kreislaufes ist es wichtig, die drei wesentlichen Komponenten und Problembereiche beim Umgang mit Risiken zu verdeutlichen. Dies sind die Komponenten: Komplexität, Unsicherheit und Ambiguität (Klinke und Renn 2002).

Zunächst zur Komplexität: Komplexität ist etwas anderes als Kompliziertheit. Kompliziert ist die Welt immer – "komplex" bedeutet, dass zwischen Ursache und Wirkung viele intervenierende Größen wirksam sind, die diese Beziehung entweder verstärken oder abschwächen, so dass man aus der beobachteten Wirkung nicht ohne weiteres rückschließen kann, welche Ursache(n) dafür verantwortlich ist (sind). Komplexität verweist auf Kausalzusammenhänge, die nur schwer zu identifizieren und zu quantifizieren sind. Grund hierfür können interaktive Effekte zwischen einer Vielzahl an ursächlichen Faktoren sein, mehrfache Synergien etwa, oder lange Verzögerungszeiten zwischen Ursache(n) und Wirkung(en). Diese komplexen Zusammenhänge erfordern besonders anspruchsvolle wissenschaftliche Untersuchungen, da die Ursache-Wirkungs-Beziehungen weder evident noch direkt beobachtbar sind. Komplexe Verhältnisse sind vor allem bei Gesundheitsrisiken gegeben. Einem Darmkrebs sehen wir nicht an, woher er kommt. Die Risikobewerter und –manager sind auf Modellrechnungen angewiesen, die vielfach nur hypothetische Gültigkeit beanspruchen können. Vielfach sind diese Modelle auch unter Fachleuten umstritten. Und das Umstrittensein als solches ist bereits schon ein Problem der Bewertung und erst recht der Risikokommunikation.

Das zweite wesentliche Element jeder wissenschaftlichen Risikoabschätzung betrifft den Grad der Unsicherheit. Die meisten Risikoabschätzungen beruhen darauf, dass es nur selten deterministische, d.h. festgelegte Ursache-Wirkungsketten in der Natur der Gefährdungen gibt. Gleiche oder ähnliche Expositionen können bei unterschiedlichen Individuen zu einer Vielzahl von höchst unterschiedlichen Reaktionen führen. Die Unsicherheit umfasst zum einen Messfehler (z.B. durch die Extrapolation von Daten aus Tierexperimenten auf den Menschen) und die Variation von individuellen Expositionsreaktionen. Zum anderen bezieht sie sich auf Unbestimmtheit und Nicht-Wissen, das daraus resultieren kann, dass Messungen nicht möglich sind oder Wirkungen gezielt nur in bestimmten Systemgrenzen analysiert und damit systemübergreifende, externe Einflüsse und Wirkungen außer Acht gelassen werden.

Es kommt eine dritte Komponente hinzu, der Bereich der Ambiguität. Damit ist gemeint, dass die Ergebnisse einer Risikoabschätzung im Hinblick auf die Implikationen und deren Bewertung unterschiedlich interpretiert werden können. Wir unterscheiden dabei die interpretative und normative Ambiguität. Interpretative Ambiguität bezeichnet die Variabilität der Interpretationen von gegebenen Abschätzungsergebnissen (etwa ob ein Effekt als advers einzustufen ist); normative Ambiguität die Frage der weiter unten behandelten Akzeptabilität. Ist das vorhandene Risiko den betroffenen Bevölkerungsgruppen zumutbar? In ihrem Kern sind bei der Ambiguität zugleich politisch-moralische Debatten angesprochen, und zwar über die Fragen, was die entsprechenden Expositionen für die menschliche Gesundheit, den Umweltschutz bedeuten und ob sie gesellschaftlich akzeptabel sind. Diese Debatten fußen auf pluralen Interessen- und Wertstrukturen. Komplexität und Ungewissheit begünstigen die Entstehung von Ambiguität, sie ist jedoch von diesen beiden Komponenten zu unterscheiden.

2.3 Risikoabschätzung
Der erste Schritt der Risikoabschätzung besteht in der Identifikation von möglichen Nebenfolgen, die sich als Resultat eines Ereignisses oder einer Handlung einstellen können. Die Identifikation von möglichen Schadenskategorien bedeutet immer eine Prioritätensetzung. Selbst wenn man den Bedeutungsinhalt von Risiko auf potenzielle Gesundheitsschäden und mögliche ökologische Beeinträchtigungen reduziert, verbleibt die Notwendigkeit, unter der Vielzahl von möglichen Schäden diejenigen auszuwählen, die von den Entscheidungsträgern im Betrieb und der Gesellschaft als besonders dringlich eingestuft werden. Der Schwerpunkt der heutigen Debatte um gesundheitliche Risiken liegt weiterhin auf karzinogenen Risiken, also solchen Dosis-Wirkungsbeziehungen, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu Krebserkrankungen führen. Bereits jetzt verlagert sich das Augenmerk auf andere Folgewirkungen, wie etwa chronische Erkrankungen (Rückenleiden, Allergien, Depressionen, Multiple Chemical Syndrome u.a.m.), da karzinogene Stoffe durch die großen Erfolge in der Regulation von Exposition und in der praktischen Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen zunehmend routinemäßig erfasst und kontrolliert werden.

Modellierung durch toxikologische Untersuchungen und systematische Vergleiche von Bevölkerungsgruppen mit und ohne Exposition (Epidemiologie) sind die wichtigsten Bausteine der medizinischen Risikoabschätzung. Die Verfahren der Risikoabschätzung zielen dabei auf eine integrative Antizipation von Folgewirkungen, sequenzielle Modellierung von auslösendem Ereignis bis zum letztendlichen Schaden und Generalisierung der Wirkungen auf Gesundheit, Leben und Umwelt ab. Die enge Fokussierung auf reale Folgen und die Benutzung von relativen Häufigkeiten auf der Basis der Beobachtungsdaten von modellierten Eintrittswahrscheinlichkeiten auf der Basis von Experimenten und statistischen Schließverfahren und von subjektiven Expertenurteilen zur Abschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeiten sind aber nur in begrenztem Maße geeignet, die von Personen als persönliche Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität wahrgenommenen Folgen einer Handlung zu erfassen und die Unsicherheiten in den Auswirkungen adäquat zu beschreiben. Gerade hier sind weitere qualitative Überlegungen zur Risikoreduktion notwendig, die gleichzeitig auf das Mitwirken der betroffenen Personen abzielen und neuartige Risiken, die schwer zu quantifizieren sind, einbeziehen. In Tabelle 2 sind eine Reihe von neuen Herausforderungen für die Risikoabschätzung abgebildet. Darunter fallen zum einen die Ausweitung der Schadenskategorien, zum anderen die Integration von Sicherheitsaspekten in ein integrales Management-Konzept.

Ausweitung der Schutzziele und Schadenskategorien
  • Chronische Erkrankungen, einschließlich psychosomatische Beschwerden
  • Interaktive Effekte zwischen Lebensstil, Umweltqualität, Arbeitsumfeld und Arbeitssicherheit
  • Arbeitssicherheit als Kriterium der individuellen Zufriedenheit am Arbeitsplatz
  • Ausdehnung von Arbeitszufriedenheit auf ästhetische Gestaltung des Arbeitssplatzes
  • Einbezug sozialer Risiken (Isolation, Mobbing, etc.)
Systemarer Ansatz in der Risikoerfassung
  • synergistische Effekte von klassischen und neuen Risiken
  • integrierte Abschätzungen unterschiedlicher Risiken am Arbeitsplatz
  • Einbezug von externen Faktoren (etwa Lebensstil, Mobilität, etc.)
Integration von Risikoanalysen in umfassende Managementstrategien
  • Ansätze zur Einbindung von Nutzenerwägungen
  • Einbezug in Gestaltung der Prozessabläufe
  • Einbezug von verbleibenden Unsicherheiten und Verteilungsdifferenzen
  • Sicherstellung von Flexibilität und Kreativität am Arbeitsplatz
Mehr Aufmerksamkeit für Verteilungseffekte
  • individuelle Varianz gegenüber Stressoren (sensible Personen)
  • unterschiedliche Exposition innerhalb eines Betriebes
  • Sensibilität gegenüber wahrgenommenen Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Belastungen
Entwicklung von "fehlerfreundlichen" Systemen, die mehr menschliche Fehlbedienungen tolerieren
  • Integration von Risikoanalysen in Konzepte des Re-engeneering
  • Einbettung präventiver Risikovermeidung in Prozessabläufe im Betrieb
Tab. 2: Neue Aufgaben für Risikoabschätzungen

2.4 Risikobewertung
Zweifelsohne ist Risikobewertung ein komplexer Vorgang, der sich nicht in einfache Formen gießen lässt. Gleichzeitig ist es aber notwendig, dass solche Bewertungen konsistent, effizient, pragmatisch und dennoch problemadäquat vorgenommen werden. Dazu eignet sich nach Meinung vieler Experten die Anwendung eines sog. Ampelmodells, das den Bewertungsvorgang erleichtern und besser strukturieren kann. Dieses Ampelmodell, das bereits in einigen Ländern wie den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien praktiziert wird, beruht auf drei Bewertungskategorien (s. Abb. 2): Normalbereich, Grenzbereich und inakzeptabler Bereich.¹

Abb. 2: Risikobereiche (Quelle: Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) (1999))
Abb. 2: Risikobereiche (Quelle: Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) (1999)) (Für eine vergrößerte Darstellung bitte auf das Bild klicken.

Die Linie zwischen dem Normal- und dem Grenzbereich wird als Akzeptanzlinie (Risiken unterhalb der Akzeptanzlinie sind bei positiver Risiko-Nutzen-Bilanz zu akzeptieren), die Linie zwischen Grenz- und inakzeptablem Bereich als Toleranzlinie (die Risiken unterhalb der Toleranzlinie sind im Notfall tolerierbar, sofern es nicht gelingt, durch Reduktionsmaßnahmen und andere vorsorgliche Maßnahmen, das Risiko in den Normalbereich zu bewegen) bezeichnet. Die Festlegung der Linien muss von den Behörden durch eines der unten beschriebenen formalen oder durch partizipative Verfahren festgelegt werden. In seinem Jahresgutachten 1998 hat der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltveränderungen (WBGU 1999) den Versuch unternommen, auf der Basis des Ampelmodells einen neuen Vorschlag für eine effektive und umfassende Risikobewertung zu leisten. Bei der Beurteilung von Risiken hat sich der Beirat entschlossen, neben den weithin üblichen Kriterien des Schadensausmaßes und der Eintrittswahrscheinlichkeit noch weitere Bewertungskriterien aufzunehmen.

Folgende Kriterien wurden dabei aufgenommen:
  • Ungewissheit (aufgeteilt in Unsicherheit, Abschätzungssicherheit und Ahnungslosigkeit)
  • Ubiquität definiert die geographische Ausbreitung potenzieller Schäden;
  • Persistenz definiert die zeitliche Ausdehnung potenzieller Schäden;
  • Reversibilität beschreibt die Möglichkeit jenen Zustand wiederherstellen zu können, bevor der Schaden eingetreten ist (z.B. Wiederaufforstung, Reinigung von Wasser);
  • Verzögerungswirkung charakterisiert die Zeitspanne zwischen dem anfänglichen Ereignis und der tatsächlichen Auswirkung des Schadens. Diese Latenzzeit kann physikalischer, chemischer oder biologischer Natur sein;
  • Mobilisierungspotenzial wird als Verletzung individueller, sozialer oder kultureller Interessen und Werte verstanden.
Diese Verletzungen können soziale Konflikte und psychologische Reaktionen bei Individuen oder Gruppen hervorrufen.

Im Umfeld des Arbeits- und Umweltschutzes fallen die meisten Risiken im normalen Bereich an, d.h. sie sind im Wesentlichen von der Risikohöhe her akzeptierbar, bedürfen aber einer Überprüfung nach Effektivität, Effizienz und Kompatibilität mit den anderen betrieblichen Zielen. Die Festlegung der Grenzlinien zwischen dem Normal- und Grenzbereich (Akzeptanzlinie) und zwischen dem Grenz- und Inakzeptablem Bereich (Toleranzlinie) ist eine Aufgabe, die nach Auffassung des International Risk Governance Council (IRGC) Risikoabschätzer und Risikomanager gemeinsam leisten müssen. Dazu sind in der Wissenschaft eine Reihe von Bewertungsverfahren entwickelt worden, die eine systematische Verzahnung von Folgewissen und Orientierungswissen versprechen. Eine Übersicht über diese Strategien vermittelt Tabelle 3.

Quantitative Sicherheitsziele
  • Festlegung von Grenzen für Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß
  • Reduktion der Risiken unter die Schwellenwerte
Wirkungsbezogene Sicherheitsziele
  • Grenzwerte für Emissionen und Immissionen
  • "Performance" Standards für Produktionsprozesse
Vorsorgestrategien
  • Stand der Technik (oder Wissenschaft)
  • Örtliche oder zeitliche Risikobegrenzung (Containment)
  • ALARA (as low as reasonably archievable)
  • Containment (zeitlich und örtlich)
Ökonomische Bilanzierung
  • Kosten-Effektivität
  • Kosten-Nutzen-Analyse
Risiko-Risiko-Vergleiche
  • Vergleiche mit Risiken, die in der Vergangenheit akzeptiert wurden
  • Vergleiche mit Risiken, die in anderen Kontexten akzeptiert werden
  • Vergleiche mit Risiken nutzengleicher Alternativen
  • Vergleiche mit den Risiken ohne die Maßnahme (Nulllösung)
Deliberative Abwägungsprozesse
  • Diskursverfahren
  • Partizipationsverfahren
Tab. 3: Übersicht über Risikobewertungsverfahren

3. Schlussfolgerungen
Welche Schlüsse sind aus den Überlegungen zur Bewältigung von Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz und aus der Umwelt zu ziehen?
  1. Traditionelle Risiken am Arbeitsplatz sind bereits erfolgreich eingedämmt worden. Das bedeutet nicht, dass man auf sie keinen Wert mehr legen sollte. Vielmehr kommt es darauf an, auch im klassischen Arbeitsschutz kontinuierlich und wirkungsvoll die bisherigen Strategien weiter zu verfolgen. Darunter fallen vor allem technische Sicherheitsvorkehrungen, Schulungen des Personals, Ausbildung einer spezifischen Sicherheitskultur im Unternehmen und sporadische Audits.
  2. Damit geht auch die Notwendigkeit einher, technische, naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Risikoansätze miteinander zu verbinden und für den Arbeitsschutz wirksam zu machen. Gerade wenn auch unkonventionelle Risiken in das Managementkonzept aufgenommen werden, ist eine interdisziplinäre Sichtweise des Risikos unerlässlich.
  3. In Zukunft werden mehr Anstrengungen notwendig werden, um mit unkonventionellen Risiken besser fertig zu werden. Darunter fallen Erkrankungen wie Rückenleiden oder Allergien. Mit der Globalisierung und der Wissensorientierung wächst auch der Leistungsdruck auf die Belegschaft. Insofern kommt es zunehmend zu Stressproblemen. Besonderes Augenmerk muss auch auf den Medusa-Risiken liegen, wie etwa das Multiple Chemical Syndrome, das Sick Building Syndrome oder die Ermüdungsdepressionen. Schließlich dürfen auch die sozialen Risiken, etwa Mobbing, nicht aus dem Blickfeld verloren gehen.
  4. Diese neuartigen Risiken können nicht mehr mit den herkömmlichen Methoden und Instrumenten des Risikomanagements angegangen werden. Hier sind vor allem auch diskursive und dialogische Formen der Risikokommunikation gefragt, mit deren Hilfe mögliche Schadenswirkungen im voraus diagnostiziert und möglicherweise auch ausgeräumt werden können. Zum Teil kommen auch vorsorgeorientierte Maßnahmen infrage.
  5. e
  6. Neue Ansätze in der Risikovorsorge und Risikoreduktion sollten von folgenden Grundsätzen getragen sein: o
    • Risikovermeidung statt Risikoreduzierung
    • Einschluss von sozialen und psychosomatischen Risiken
    • Stärkere Berücksichtigung von Unsicherheiten und Verteilung
    • Stärkung von Sicherheitskultur in Unternehmen
    • Verbesserung der ganzheitlichen Versorgung im Bereich der Arbeits- und Umweltmedizin

Sofern man diese Punkte beachtet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man auch mit den neuartigen und unkonventionellen Risiken am Arbeitsplatz fertig werden wird.

1 Vgl. die Erfahrungen der Risikobewertung in der Schweiz. Seit dem 1. April 1991 schreibt die Störfallverordnung (StFV) den Umgang mit technischen Risiken vor. Risiko wird darin als Verbindung von Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit festgelegt (von Piechowski 1998). Im Anhang G des Handbuchs I zur Störfallverordnung werden ebenfalls Akzeptanzbereiche definiert. Eine ähnliche Vorgehensweise der Einteilung in drei Akzeptanzbereiche wurde inzwischen auch in Großbritannien vorgenommen. Auch die ad hoc Kommission zur Harmonisierung der Risikostandards der Bundesrepublik Deutschland hat dieses Bewertungsverfahren empfohlen (Ad hoc 2003).

4. Literatur
  • Ad Hoc Kommission der Bundesregierung "Harmonisierung und Neuordnung der Risikobewertung".Gutachten für die an die Bundesregierung. Manuskript. Bundesamt für Strahlenschutz: München 2003
  • IRGC (International Risk Governance Council): White Paper on Risk Governance: Towards an Integrated Framework. IRGC: Genf 2005
  • Klinke; A./Renn, O.: A New Approach to Risk Evaluation and Management: Risk-Based, Precaution-Based and Discourse-Based Management. Risk Analysis, 22, No. 6 (2002), 1071-1994
  • Von Piechowski, M.: Risikobewertung in der Schweiz. Neue Entwicklungen und Erkenntnisse. Unv. Ms. ETH Zürich 1994. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Handlungsstrategien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken. Springer Stuttgart: 1999
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